Offenheit in Beziehungen: Mehr Möglichkeiten als Monogamie

Beziehungsformen

Warum es nicht darum geht, die „richtige" Beziehungsform zu finden - sondern die passende

Monogamie galt lange als die einzige Art, Beziehungen zu führen. Doch immer mehr Menschen stellen sich die Frage: Passt diese Form wirklich zu mir? Ein Plädoyer für mehr Offenheit – und für die Suche nach der eigenen Beziehungsidentität.


Die Zeiten ändern sich

Wenn wir an romantische Beziehungen denken, haben die meisten von uns ein klares Bild vor Augen: zwei Menschen, die sich lieben, treu sind und ihr Leben miteinander teilen. Dieses Modell - die Monogamie - prägt unsere Vorstellung von Liebe seit Generationen. Es ist das, was uns in Filmen gezeigt wird, was (meist) unsere Eltern uns vorgelebt haben, was die Gesellschaft von uns erwartet.

Doch die Realität ist vielfältiger, als es diese eine Schablone vermuten lässt. Aktuelle Studien zeigen, dass etwa vier bis fünf Prozent der Erwachsenen in westlichen Ländern aktuell in einer konsensuell nicht-monogamen Beziehung leben. Das klingt nach wenig - entspricht aber in etwa der Größe der gesamten LGBTQ+--Community. Und rund ein Fünftel aller Erwachsenen hat im Laufe des Lebens Erfahrungen mit alternativen Beziehungsformen gemacht.

Diese Zahlen verraten uns etwas Wichtiges: Die Art, wie Menschen Beziehungen gestalten wollen, ist deutlich diverser als das gesellschaftliche Narrativ es vermuten lässt.

Was bedeutet Polyamorie eigentlich?

Der Begriff Polyamorie setzt sich aus dem griechischen „poly" (viele) und dem lateinischen „amor" (Liebe) zusammen. Er beschreibt die Möglichkeit, romantische Beziehungen mit mehreren Menschen gleichzeitig zu führen - mit dem Wissen und der ausdrücklichen Zustimmung aller Beteiligten. Das zentrale Merkmal: informierter Konsens. Polyamorie hat nichts mit heimlicher Untreue zu tun.

Neben Polyamorie gibt es weitere Formen konsensueller bzw. ethischer Nicht-Monogamie: offene Beziehungen, bei denen sexuelle Kontakte außerhalb der Hauptbeziehung möglich sind, oder Beziehungsanarchie, die u.a. jegliche Form von Hierarchie zwischen Beziehungen ablehnt. All diese Formen haben eines gemeinsam: Sie basieren auf Ehrlichkeit, Kommunikation und dem Respekt vor den Bedürfnissen aller Beteiligten.

Der Mythos der überlegenen Monogamie

Lange Zeit galt es als selbstverständlich: Monogame Beziehungen sind stabiler, gesünder, erfüllender. Doch was sagt die Wissenschaft dazu? Eine umfassende Meta-Analyse aus dem Jahr 2025, die 35 Studien mit über 24.000 TeilnehmerInnen auswertete, liefert eine überraschend klare Antwort: Es gibt keine signifikanten Unterschiede.

Weder bei der Beziehungszufriedenheit noch bei Vertrauen, Intimität oder Commitment zeigten sich relevante Unterschiede zwischen monogamen und konsensuell nicht-monogamen Beziehungen. Der sogenannte „Monogamie-Überlegenheits-Mythos" lässt sich wissenschaftlich schlicht nicht belegen.

Das bedeutet nicht, dass Monogamie schlecht wäre - ganz im Gegenteil. Es bedeutet nur: Auch andere Beziehungsformen können zu erfüllenden Beziehungen führen. Die Beziehungsform allein entscheidet nicht über das Glück.

Die eigentliche Frage: Wer bin ich?

„Bin ich eigentlich monogam oder polyamor?" Diese Frage stellen sich immer mehr Menschen. Doch vielleicht ist sie falsch formuliert. Denn sie suggeriert, es gäbe eine richtige Antwort, die man nur finden müsse - wie eine verborgene Eigenschaft, die es zu entdecken gilt.

Hilfreicher könnte diese Herangehensweise sein: Welche Werte sind mir in Beziehungen wichtig? Wie gestalte ich Nähe und Distanz? Welche Rolle spielen Sicherheit und Autonomie für mich? Was definiere ich als Treue?

Die Antworten auf diese Fragen sind höchst individuell. Manche Menschen fühlen sich in der Tiefe einer exklusiven Zweierbeziehung am wohlsten. Andere erleben Erfüllung darin, verschiedene Bedürfnisse in verschiedenen Beziehungen zu leben. Wieder andere - man spricht hier von „Ambiamorie" – können in beiden Konstellationen glücklich sein.

Prägung oder authentisches Bedürfnis?

Eine der wichtigsten Unterscheidungen auf dem Weg zur eigenen Beziehungsidentität: Was davon ist gesellschaftliche Prägung, was authentisches Bedürfnis? Viele von uns haben Monogamie nie bewusst gewählt - sie war einfach die Norm, die uns umgab. Das macht sie nicht falsch. Aber es lohnt sich, einmal innezuhalten und zu reflektieren: Entspricht meine gelebte Beziehungsform wirklich meinen inneren Bedürfnissen?

Diese Reflexion kann befreiend sein - unabhängig davon, wohin sie führt. Manche Menschen bestätigen für sich, dass Monogamie genau das Richtige ist. Andere entdecken, dass alternative Beziehungsformen besser zu ihnen passen. Beides ist gleichermaßen wertvoll.

Es geht um Passung, nicht um Perfektion

Die zentrale Erkenntnis aus der aktuellen Forschung lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Nicht die Beziehungsform entscheidet über das Glück, sondern die Passung zwischen der gewählten Form und den individuellen Bedürfnissen.

Wer monogam lebt und sich dabei authentisch fühlt, ist genauso auf dem richtigen Weg wie jemand, der in polyamoren Strukturen seine Erfüllung findet. Problematisch wird es erst, wenn Menschen in einer Beziehungsform leben, die nicht zu ihnen passt - sei es aus gesellschaftlichem Druck, aus Angst vor Ablehnung oder schlicht aus mangelndem Wissen über Alternativen.

Ein Plädoyer für Offenheit

Dieser Text ist weder ein Aufruf zur Polyamorie noch eine Verteidigung der Monogamie. Er ist ein Plädoyer für Offenheit – Offenheit gegenüber der Vielfalt menschlicher Beziehungsgestaltung und Offenheit gegenüber der eigenen inneren Wahrheit.

Denn letztlich geht es nicht darum, ob Monogamie oder Polyamorie „besser" ist. Es geht darum, die Beziehungsform zu finden, die zu einem selbst passt. Und das erfordert vor allem eines: den Mut, sich selbst ehrlich zu begegnen.


Über die Autorin:

Elisabeth Rieder, diplomierte Lebens- und Sozialberaterin.

Elisabeths Schwerpunkt liegt in der Beziehungs- und Sexualberatung, sie begleitet Einzelpersonen und Paare zu Klarheit in Beziehungen, unabhängig davon ob diese monogam, offene Beziehung oder Polyamorie leben.

Urteilsfreien und lösungsorientiert reflektiert sie gemeinsam mit ihren KlientInnen Bedürfnisse, Grenzen und Dynamiken, damit Klarheit entsteht und neue Perspektiven möglich werden.

Einblick in ihre Haltung gibt auch ihr TEDx Talk zum Thema individuelle Beziehungsgestaltung: https://www.youtube.com/watch?v=4Wq3_IatV4g

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Bildcredits: ©Elisabeth Rieder, unterstützt durch AI

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