Wegbegleiter für angehende Kolleg:innen
Praktische Tipps zur Ausbildung
Die Ausbildung zur Lebens- und Sozialberater:in ist eine spannende und intensive Zeit. Neben theoretischem Wissen geht es vor allem darum, Beratung selbst zu erleben, unterschiedliche Methoden kennenzulernen und Schritt für Schritt eine eigene professionelle Haltung zu entwickeln.
Viele Ausbildungskandidat:innen fragen sich dabei: Wann soll ich mit Selbsterfahrung beginnen? Wann ist der richtige Zeitpunkt für erste Beratungen? Wie finde ich Praktikumsplätze? Und was sollte ich schon während der Ausbildung für meinen späteren Beruf vorbereiten?
Wir haben einige praktische Tipps zusammengestellt, die dich auf deinem Weg begleiten können.
1. Nicht nur lernen – Beratung selbst erleben
Eine gute Berater:in kennt Beratung nicht nur aus Büchern oder aus der Theorie. Es ist hilfreich, selbst einmal die Rolle der Klient:in einzunehmen und zu erleben:
Wie fühlt es sich an, über persönliche Themen zu sprechen?
Was macht eine gute Beratung für mich aus?
Wann fühle ich mich verstanden und wann eher nicht?
Welche Fragen helfen mir weiter?
Welche Interventionen empfinde ich als hilfreich?
Wo liegen meine persönlichen Grenzen?
Einzelselbsterfahrung ist deshalb ein besonders wertvoller Bestandteil der Ausbildung sein. Sie bietet Raum, die eigene Persönlichkeit, die eigenen Werte und Muster besser kennenzulernen und sich mit persönlichen Themen auseinanderzusetzen.
Dabei geht es nicht darum, „perfekt“ zu werden. Im Gegenteil: Professionelle Beratung bedeutet auch, die eigenen Grenzen und blinden Flecken zu kennen.
Unser Tipp:
Beginne mit der Selbsterfahrung schon im ersten Semester der Ausbildung. Gerade zu Beginn kann sie dir helfen, dich selbst besser kennenzulernen und die Inhalte der Ausbildung persönlicher zu verstehen.
2. So früh wie möglich üben
Beratung ist eine Tätigkeit, die man nicht ausschließlich aus Büchern lernen kann. Man muss sie tun, ausprobieren, reflektieren und wieder tun.
Deshalb: Übe so früh wie möglich!
Das bedeutet nicht, dass du sofort „fertige“ Beratungen durchführen musst. Schon kleine Übungseinheiten sind wertvoll:
aktives Zuhören
offene Fragen stellen
Zusammenfassen
Wahrnehmen von Emotionen
Ressourcen herausarbeiten
Perspektivenwechsel
Gesprächsführung
Umgang mit Pausen und Schweigen
Abschluss eines Gesprächs
Gerade Rollenspiele mit anderen Ausbildungskandidat:innen können dabei sehr hilfreich sein.
Unser Tipp:
Trau dich, auch einmal etwas auszuprobieren, das sich zunächst ungewohnt anfühlt. Fehler und Unsicherheiten gehören zum Lernen dazu.
3. Frühzeitig erste Praxiserfahrungen sammeln
Wenn sich die Möglichkeit bietet, solltest du bereits während der Ausbildung Einblicke in die praktische Beratungsarbeit bekommen. Das ist nach der neuen Verordnung verpflichtend!
Ein Praktikum oder eine Hospitation kann dir dabei helfen, den Berufsalltag kennenzulernen. Du kannst beobachten, wie Beratung tatsächlich abläuft und wie theoretische Inhalte in der Praxis eingesetzt werden.
Interessant sind beispielsweise Einrichtungen und Organisationen, in denen Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen begleitet und unterstützt werden.
Achte bei einem Praktikum nicht nur darauf, „möglichst viele Stunden zu sammeln“. Viel wichtiger ist die Frage:
Was kann ich hier lernen?
Beobachte zum Beispiel:
Wie beginnt ein Beratungsgespräch?
Wie wird Vertrauen aufgebaut?
Wie wird ein Auftrag geklärt?
Wie werden Ziele vereinbart?
Wie geht die Berater:in mit schwierigen Situationen um?
Wie wird ein Gespräch beendet?
Welche Dokumentation ist notwendig?
Wie werden Grenzen der Beratung erkannt?
Wann wird an andere Berufsgruppen weiterverwiesen?
Was sind angrenzende Berufsbilder, wie funktioniert die Zusammenarbeit? Unterschied Begleitung Beratung Betreuung.
4. Mit ersten Beratungen beginnen – aber gut begleitet
Irgendwann kommt der spannende Moment: Die erste echte Beratung.
Für viele Ausbildungskandidat:innen ist das gleichzeitig aufregend und ein bisschen beängstigend.
Das ist völlig normal.
Niemand erwartet, dass du am Anfang bereits über jahrelange Berufserfahrung verfügst. Wichtig ist vielmehr, dass du deine ersten Beratungserfahrungen verantwortungsvoll, innerhalb deiner Kompetenzen und mit entsprechender Begleitung machst.
Gerade am Anfang kann es hilfreich sein, Beratungsmöglichkeiten zu suchen, bei denen klar ist, dass du dich noch in Ausbildung befindest und deine Tätigkeit entsprechend begleitet bzw. supervidiert wird.
Unser Tipp:
Beginne lieber mit wenigen Beratungen und reflektiere diese gründlich, als möglichst schnell viele Gespräche zu führen.
Nach einer Beratung kannst du dir beispielsweise folgende Fragen stellen:
Was ist gut gelungen?
Wo war ich unsicher?
Was habe ich wahrgenommen?
Was habe ich vielleicht übersehen?
Was würde ich beim nächsten Mal anders machen?
Was war meine Lieblingsintervention?
5. Supervision nicht erst dann nutzen, wenn es schwierig wird
Supervision ist kein Zeichen dafür, dass man etwas „nicht kann“. Sie gehört vielmehr zu einer professionellen Beratungshaltung.
Gerade während der Ausbildung kann Supervision dabei helfen, eigene Beratungen zu reflektieren und Sicherheit zu gewinnen. Supervision hilft immer dabei, die eigenen Arbeitsweise zu reflektieren und mehr Kompetenz zu erlangen. Und während der Ausbildung gewinnt man Sicherheit, reflektiert mit Profis und erlernt auch hier noch neue Sichtweisen und Methoden.
In der Supervision können beispielsweise folgende Fragen Platz haben:
Welche Themen habe ich erkannt?
Welche Themen triggern mich?
Welche Interventionen habe ich gemacht?
Wie habe ich diese Situation erlebt?
Warum hat mich dieses Thema besonders beschäftigt?
Habe ich möglicherweise eigene Erfahrungen auf die Klient:in übertragen?
Wie kann ich mit schwierigen Gefühlen umgehen?
Wo liegen meine persönlichen Grenzen?
War meine Intervention passend?
Wie kann ich mit einer festgefahrenen Beratungssituation umgehen?
Je früher du lernst, deine Arbeit zu reflektieren, desto mehr wird Supervision später zu einem selbstverständlichen Teil deiner professionellen Tätigkeit.
6. Führe ein persönliches Lern- und Reflexionsjournal
Während der Ausbildung kommt unglaublich viel zusammen: Theorien, Methoden, Übungen, Selbsterfahrung, Praktikum und persönliche Erkenntnisse.
Ein eigenes Journal kann dabei helfen, diese Erfahrungen festzuhalten.
Du könntest beispielsweise nach Seminaren oder Übungen kurz notieren:
Das habe ich heute gelernt:
…
Das hat mich besonders angesprochen:
…
Das möchte ich ausprobieren:
…
Das ist mir noch unklar:
…
Das hat etwas mit mir persönlich gemacht:
…
Dazu möchte ich mich weiter informieren:
…
Nach einigen Monaten wirst du erstaunt sein, wie viel sich bereits entwickelt hat.
7. Entwickle deine eigene Beratungspersönlichkeit
Die Ausbildung vermittelt dir Methoden und theoretisches Wissen. Gleichzeitig geht es darum, herauszufinden:
Welche Art von Berater:in möchte ich sein?
Vielleicht stellst du im Laufe der Ausbildung fest, dass dich bestimmte Themen besonders interessieren:
Beziehung und Partnerschaft
Familie und Erziehung
Trennung und Scheidung
Krisen
berufliche Veränderungen
Persönlichkeitsentwicklung
Kommunikation
Selbstwert
Stress und Überforderung
Trauer und Verlust
Entscheidungsfindung
Lebensplanung
Du musst nicht sofort eine fertige Spezialisierung haben.
Aber es lohnt sich, aufmerksam zu beobachten, welche Themen dich interessieren und mit welchen Menschen du gerne arbeiten möchtest.
8. Nicht jede Methode muss deine Methode werden
In der Ausbildung lernst du unterschiedliche Beratungsansätze und Methoden kennen. Manche werden dich sofort begeistern, andere vielleicht weniger.
Das ist vollkommen in Ordnung.
Nutze die Ausbildungszeit, um unterschiedliche Ansätze kennenzulernen und auszuprobieren.
Frage dich:
Was passt zu meiner Persönlichkeit?
Welche Methode fühlt sich für mich stimmig an?
Was hilft meinen Klient:innen?
Welche Methoden möchte ich vertiefen?
Wo brauche ich noch mehr Übung?
Eine professionelle Berater:in muss nicht möglichst viele Methoden beherrschen. Entscheidend ist, Methoden bewusst, reflektiert und passend zur jeweiligen Situation einzusetzen.
9. Netzwerke schon während der Ausbildung
Warte mit dem Netzwerken nicht bis zum Tag deines Ausbildungsabschlusses.
Deine Kolleg:innen aus der Ausbildung können später wertvolle berufliche Kontakte sein. Auch Vortragende, Supervisor:innen, Praktikumsstellen und andere Fachpersonen können Teil deines beruflichen Netzwerks werden.
Besuche Veranstaltungen, Fortbildungen und Fachvorträge und tausche dich mit anderen Berater:innen aus.
Denn Beratung ist nicht nur Einzelarbeit. Ein gutes professionelles Netzwerk kann später sehr hilfreich sein – beispielsweise wenn es um Kooperationen, Weiterverweisungen oder fachlichen Austausch geht.
Unser Tipp:
Kontakte entstehen oft dort, wo man sich fachlich interessiert einbringt.
10. Beginne rechtzeitig, dir Gedanken über deine spätere Tätigkeit zu machen
Du musst während der Ausbildung noch keine fertige Praxis haben. Trotzdem lohnt es sich, schon früh über deinen späteren Berufsweg nachzudenken.
Zum Beispiel:
Wo möchte ich arbeiten?
eigene Praxis
Beratungsstelle
Verein
Institution
Unternehmen
Kooperation mit anderen Berufsgruppen
Kombination aus mehreren Tätigkeitsfeldern
Mit wem möchte ich arbeiten?
Welche Themen interessieren mich?
Möchte ich selbstständig oder angestellt arbeiten?
Wie möchte ich meine Beratung anbieten?
Diese Fragen müssen nicht sofort beantwortet werden. Aber je früher du dich damit beschäftigst, desto leichter wird es später, deine berufliche Richtung zu entwickeln.
11. Beschäftige dich auch mit der „unsichtbaren“ Seite des Berufs
Zur Beratung gehört weit mehr als das Gespräch mit Klient:innen.
Wer später selbstständig arbeiten möchte, wird sich beispielsweise auch mit folgenden Themen beschäftigen:
Datenschutz
Dokumentation
Verschwiegenheit
Berufspflichten
Abgrenzung zu anderen Gesundheits- und Sozialberufen
Kooperation und Weiterverweisung
Honorar und Rechnungslegung
Versicherungen
Praxisorganisation
Terminverwaltung
Öffentlichkeitsarbeit
Website und Social Media
Das klingt vielleicht weniger spannend als Beratungsmethoden – ist für die spätere Berufspraxis aber genauso wichtig.
Unser Tipp:
Schau dir diese Themen nicht erst an, wenn du deine erste Klient:in bereits vor der Tür hast.
12. Lerne, deine eigenen Grenzen zu erkennen/ Vernetzung
Eine wichtige professionelle Kompetenz ist nicht nur zu wissen, was man tun kann, sondern auch zu wissen, was man nicht tun kann oder darf.
Während der Ausbildung solltest du deshalb lernen, Situationen einzuschätzen und die Grenzen der eigenen Tätigkeit zu erkennen.
Frage dich:
Ist das ein Thema, bei dem Beratung sinnvoll ist?
Braucht die Person zusätzlich oder stattdessen eine andere fachliche Unterstützung?
Welche Berufsgruppe könnte hier zuständig sein?
Professionelles Handeln bedeutet manchmal auch, eine Klient:in weiterzuverweisen.
Das ist keine Niederlage – sondern verantwortungsvolle Beratung.
Und vor allem: Hab Geduld mit dir!
Vielleicht hast du am Anfang das Gefühl, dass du noch viel zu wenig weißt.
Dann kommen die ersten Methoden, die ersten Rollenspiele, die ersten Beratungsgespräche, Selbsterfahrung, Supervision und Praktikum – und plötzlich merkst du:
Ich habe mich verändert. Ich höre anders zu. Ich nehme mehr wahr. Ich stelle andere Fragen. Ich reflektiere Situationen anders.
Genau darin liegt ein wesentlicher Teil der Ausbildung.
Du musst am Anfang noch keine fertige Berater:in sein.
Die Ausbildung ist der Weg, auf dem du dich fachlich und persönlich zu einer professionellen Berater:in entwickelst.
Deine Checkliste für die Ausbildungszeit
Wenn du nur ein paar Dinge aus diesem Artikel mitnehmen möchtest, dann diese:
1. Theorie lernen.
Verstehe die Grundlagen und beschäftige dich auch selbstständig mit den Inhalten.
2. Selbsterfahrung machen.
Lerne dich selbst, deine Werte, Grenzen und persönlichen Muster kennen.
3. Üben, üben, üben.
Beratung wird durch Erfahrung sicherer.
4. Praxiserfahrung sammeln.
Schau dir an, wie Beratung im echten Berufsalltag aussieht.
5. Erste Beratungen reflektiert durchführen.
Lieber langsam und bewusst als schnell und unreflektiert.
6. Supervision nutzen.
Reflexion gehört zur Professionalität.
7. Fortbildungen besuchen.
Die Ausbildung ist nicht das Ende des Lernens.
8. Kontakte knüpfen.
Dein berufliches Netzwerk beginnt bereits während der Ausbildung.
9. Eigene Interessen entdecken.
Finde heraus, welche Themen und Zielgruppen dich besonders ansprechen.
10. Dir selbst Zeit geben.
Eine professionelle Beratungspersönlichkeit entwickelt sich nicht über Nacht.
Dein Weg muss nicht geradlinig sein
Vielleicht hast du zu Beginn der Ausbildung eine ganz konkrete Vorstellung davon, wie dein späterer Berufsalltag aussehen soll. Vielleicht verändert sich diese Vorstellung wieder.
Das ist völlig normal.
Nutze die Ausbildungszeit, um auszuprobieren, Erfahrungen zu sammeln, Fragen zu stellen und dich selbst immer besser kennenzulernen.
Denn am Ende geht es nicht darum, eine möglichst perfekte Berater:in zu werden.
Es geht darum, eine fachlich kompetente, reflektierte und authentische Berater:in zu werden.
Wir vom ÖVLSB wünschen dir viel Freude, Neugier und Erfolg auf deinem Weg!
Noch ein Tipp: sammle Bestätigungen von allen Fortbildungen, Selbsterfahrungen etc, die du auch schon während der Ausbildung machst. Man weiß nie, wozu man sie später mal brauchen kann. 😉
