Aller Anfang ist... (nicht schwer mit ein paar Informationen)

Praktischer Leitfaden für deine LSB-Ausbildung

Wie du Selbsterfahrung, Peergroups, erste Beratungsgespräche und Supervision sinnvoll aufbaust

Die LSB-Ausbildung besteht nicht nur aus Theorie – ein großer Teil des Curriculums (Modul XII und XIII) ist praktisch: Selbsterfahrung, Peergroups, protokollierte Beratungsgespräche, Supervision und fachliche Tätigkeit. Viele Fragen sich zu Beginn: Womit fange ich an? Darf ich schon beraten? Wann brauche ich Supervision? Dieser Leitfaden gibt eine praxisnahe Orientierung – ergänzend zu den formalen Vorgaben der LSB-Verordnung.

1. Die Grundlogik: Erst an dir selbst arbeiten, dann an/mit anderen

Die Verordnung ist nicht zufällig so aufgebaut, dass die Selbsterfahrung (Modul XII) parallel von Anfang an läuft, während Beratungsgespräche und fachliche Tätigkeit (Modul XIII) erst nach und nach dazukommen. Der Gedanke dahinter:

Wer nicht die eigenen blinden Flecken, Muster und Themen kennt, kann sie in der Beratung leicht mit den Themen der Klient:innen vermischen.

Deshalb gilt als Faustregel: Selbsterfahrung beginnt zuerst und läuft durchgehend mit – erste eigene Beratungsgespräche kommen typischerweise ab der zweiten Hälfte der Ausbildung dazu.

2. Empfohlener Ablauf über die Ausbildungsdauer

Phase

Schwerpunkt

Was in dieser Zeit sinnvoll ist

1.–2. Semester

Theorie-Basis + Start Einzelselbsterfahrung

Grundlagenmodule (Ethik, Psychologie, Soziologie); erste Einzelselbsterfahrungs-Sitzungen beginnen; Peergroup-Kontakte aufbauen

2.–3. Semester

Gruppenselbsterfahrung startet

Auseinandersetzung mit Herkunftsfamilie, Beziehungsmustern; erste Methodik-Module; Peergroups etablieren sich als fixer Rhythmus

3.–4. Semester

Methodik vertiefen, erste Beratungssimulationen

Rollenspiele, Übungssettings innerhalb der Ausbildung; Auswahl des Wahlmodul-Schwerpunkts (Modul X); Supervisor:in für die Praxisphase suchen

4.–5. Semester

Start der protokollierten Beratungsgespräche

Erste reale, aber eng supervidierte Beratungsgespräche; parallel laufende Einzelsupervision; fachliche Tätigkeit (Praktikum) beginnt

5.–6. Semester

Praxisphase intensivieren, Abschlussarbeit

Mehr eigenständige Beratungsgespräche; Gruppensupervision; Seminartätigkeit; Abschlussmodul (Exposé, Privatissimum, Prüfung)

Diese Reihenfolge ist eine praxisorientierte Orientierung, keine exakte Vorschrift der Verordnung – die einzelnen Ausbildungsinstitute legen den genauen Ablaufplan innerhalb der 6 Semester selbst fest.

3. Tipps zur Einzelselbsterfahrung

  • Früh beginnen, nicht aufschieben. Sie ist Voraussetzung für einen reflektierten Umgang mit den eigenen Themen in der späteren Beratung – je früher du startest, desto mehr trägt sie den Rest der Ausbildung mit.
  • Bewusst auswählen, bei wem du sie machst. Die leitende Person muss die Voraussetzungen laut Verordnung erfüllen (LSB-Berufsberechtigung + mind. 5 Jahre Praxis + mind. 100 Stunden eigene Selbsterfahrung, oder vergleichbare Qualifikation aus Psychologie/Psychotherapie). Achte zusätzlich auf Passung: Chemie und Vertrauen sind hier wichtiger als Marketing.
  • Themenblöcke ernst nehmen: Lebensgeschichte, Herkunftsfamilie, Beziehungsmuster/Sexualität, Verlust/Abschied – das sind keine Pflichtübungen, sondern das Material, mit dem du später auch bei Klient:innen konfrontiert wirst.
  • Dokumentiere für dich selbst (nicht nur für den Nachweis), was du über deine eigenen Trigger und Muster lernst – das erleichtert später die Selbstreflexion in der Supervision enorm.

4. Tipps zur Gruppenselbsterfahrung (GSE)

  • Verbindlichkeit vor Bequemlichkeit. Gruppenprozesse brauchen Kontinuität – ein Gruppenwechsel mitten im Prozess kostet Zeit und Vertrauen.
  • Gruppengröße und -zusammensetzung beachten: Eine stabile, nicht zu große Gruppe (üblich sind ca. 8–14 Personen) ermöglicht echte Tiefe, ohne dass Einzelne untergehen.
  • Eigene Rolle in der Gruppe reflektieren: Wie verhältst du dich typischerweise in Gruppen – eher zurückhaltend, eher steuernd? Das ist ein wertvoller Vorgeschmack auf spätere Gruppen- und Teamsettings in der Beratungspraxis.
  • Vertraulichkeit ist nicht verhandelbar – das gilt für dich als Teilnehmer:in genauso wie später als Beraterin/Berater.

5. Tipps zu Peergroups

  • Regelmäßigkeit schlägt Intensität. Ein fixer, kurzer Rhythmus (z. B. alle 2 Wochen) ist meist wertvoller als seltene, lange Treffen.
  • Struktur hilft: Auch informelle Peergroups profitieren von einer einfachen Struktur (Reihum berichten, konkrete Fälle/Themen einbringen, Feedback nach klaren Regeln).
  • Peergroups sind kein Ersatz für Supervision, sondern eine Ergänzung – sie eignen sich besonders gut für Prozessreflexion, Ausbildungsstress, gegenseitige Ermutigung und methodisches Ausprobieren untereinander.
  • Dokumentiere Teilnahme und Themen, da die Präsenzstunden (max. 180 von 275 Zeitstunden laut Verordnung) nachgewiesen werden müssen.

6. Der Übergang zu echten Beratungsgesprächen

Das ist für viele der größte Schritt in der Ausbildung. Ein paar praktische Hinweise:

  • Klein anfangen. Die ersten protokollierten Beratungsgespräche laufen meist im geschützten Rahmen – z. B. mit Kolleg:innen aus dem Lehrgang, im Rahmen eines Praktikums bei einer Institution, oder mit Klient:innen zu reduzierten Konditionen unter enger Supervision.
  • Auftragsklärung von Anfang an ernst nehmen – das ist laut Curriculum (Modul IV) das Kernelement psychosozialer Beratung und wird in der Praxis oft unterschätzt.
  • Von Beginn an dokumentieren – nicht nur wegen des Stundennachweises, sondern weil eine saubere Verlaufsdokumentation die Grundlage für gute Supervision ist.
  • Grenzen kennen und benennen. Gerade am Anfang ist es wichtig, früh zu lernen, wann ein Anliegen nicht (mehr) in den Bereich der Lebens- und Sozialberatung fällt und eine Überweisung (z. B. an Psychotherapie oder Psychiatrie) notwendig ist.
  • Nicht warten, bis du dich „bereit" fühlst. Das Sicherheitsgefühl kommt meist erst durch die Erfahrung selbst – engmaschige Supervision fängt die Unsicherheit in der Anfangsphase gut auf.

7. Tipps zur Supervision

  • Supervisor:in frühzeitig auswählen, nicht erst kurz vor Beginn der ersten Beratungsgespräche – der Aufbau einer vertrauensvollen Supervisionsbeziehung braucht Zeit.
  • Auf die Qualifikation achten: Laut Verordnung braucht die supervidierende Person LSB-Berufsberechtigung + mind. 5 Jahre Praxis + mind. 100 Stunden Supervisionsfortbildung (bei berufsfremden Supervisor:innen sogar 300 Stunden).
  • Einzel- und Gruppensupervision kombinieren, wenn möglich – beide Formate haben unterschiedliche Stärken (Einzelsupervision: persönliche Fallarbeit in der Tiefe; Gruppensupervision: Perspektivenvielfalt, kollegiales Lernen).
  • Fälle konkret und ehrlich einbringen. Supervision wirkt nur, wenn du auch die Fälle mitbringst, bei denen du unsicher warst oder es „nicht rund" gelaufen ist – nicht nur die gelungenen.
  • Mindeststunden im Blick behalten: laut Verordnung mindestens 100 Präsenzstunden Supervision im Rahmen von Modul XIII.

8. Tipps zur fachlichen Tätigkeit (Praktikum)

  • Praktikumsplatz aktiv und frühzeitig suchen – geeignete Institutionen sind z. B. Beratungsstellen, Sozialeinrichtungen, Familienberatungsstellen oder auch die eigene aufzubauende Praxis unter Anbindung an ein Institut.
  • Vielfalt der Settings nutzen, wenn möglich – Einzel-, Paar-, Familien- oder Gruppensetting bringen unterschiedliche Lernerfahrungen.
  • Reflexionsfragen für dich mitnehmen: Was hat in diesem Setting funktioniert? Wo bin ich an meine Grenzen gekommen? Was hätte ich anders gemacht?
  • Netzwerk aufbauen – viele spätere Zuweisungen und Kooperationen entstehen aus Kontakten, die während der Praktikumszeit geknüpft werden.

9. Tipps zur Seminartätigkeit

  • Eigenes Thema wählen, das zu deinem Schwerpunkt passt (aus dem gewählten Wahlmodul-Cluster) – so baust du gleichzeitig dein späteres Beratungsangebot mit auf.
  • Klein anfangen – ein kurzer Impulsvortrag oder Workshop-Baustein ist ein guter erster Schritt vor einem ganzen Seminartag.
  • Feedback aktiv einholen, sowohl von Teilnehmenden als auch von Kolleg:innen/Supervisor:innen zur didaktischen Umsetzung.

10. Organisatorische Tipps für die gesamte Praxisphase

  • Führe von Anfang an eine eigene Stundenliste (Selbsterfahrung, Peergroups, Supervision, Beratungsgespräche, Seminartätigkeit getrennt) – das erspart am Ende der Ausbildung mühsames Zusammensuchen.
  • Parallel statt nacheinander denken: Viele Bereiche (Selbsterfahrung, Peergroups, Theorie) lassen sich von Anfang an parallel starten, auch wenn die ersten echten Beratungsgespräche erst später dazukommen.
  • Regelmäßiger Kontakt mit dem Ausbildungsinstitut, um sicherzustellen, dass die individuelle Kombination aus Vorbildung (falls vorhanden) und noch offenen Modulen korrekt erfasst ist.
  • Selbstfürsorge einplanen: Selbsterfahrung, Supervision und erste Klient:innenarbeit parallel zum Alltag sind emotional fordernd – ausreichend Pausen und ein eigenes unterstützendes Netzwerk (Familie, Freunde, Peergroup) sind kein Luxus, sondern Voraussetzung für einen guten Ausbildungsverlauf.

11. Kurz-Checkliste zum Einstieg

  • [ ] Einzelselbsterfahrung: Person ausgewählt, erste Termine fixiert
  • [ ] Gruppenselbsterfahrung: passende Gruppe gefunden, Start terminiert
  • [ ] Peergroup: fixer Rhythmus etabliert
  • [ ] Wahlmodul-Schwerpunkt (Modul X) überlegt
  • [ ] Supervisor:in für die Praxisphase kontaktiert
  • [ ] Praktikumsplatz/Institution für fachliche Tätigkeit recherchiert
  • [ ] Eigenes Stunden-Tracking-System eingerichtet

Hinweis: Dieser Leitfaden ergänzt den Überblick über die LSB-Verordnung um praxisnahe Tipps und ersetzt nicht die individuelle Beratung durch dein Ausbildungsinstitut oder den ÖVLSB.

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